Samstag, 4. Juli 2026

Über das Lesen von Menschen und Geschichten

Ich kann nicht aufhören zu lesen

Es gibt Menschen, die sich alleine in ein Café setzen, ein Buch lesen oder einfach ihren Kaffee trinken.

Zu diesen Menschen gehöre ich nicht.

Ich muss mich mit jemandem verabreden. Dann gehe ich ins Café, freue mich auf ein Gespräch und genieße die Atmosphäre.

Diese Person ist jedoch für mich zugleich ein Anker. Ein fester Punkt, auf den ich meine Aufmerksamkeit richten kann.

Denn Aufmerksamkeit ist für mich kein Licht, das ich ein- und ausschalten kann.

Ich kann sie nicht einfach auf etwas richten und den Rest ausblenden.

Während wir reden, höre ich das Gespräch am Nebentisch. Ich nehme Satzfetzen aus dem Raum dahinter wahr. Irgendwo klappert Geschirr, jemand lacht, zwei Menschen diskutieren über etwas Alltägliches, das ich nicht mehr ausblenden kann, sobald ich es einmal gehört habe.

Und irgendwann merke ich, dass ich beginne, aus diesen Fragmenten Geschichten zu bauen.

Nicht aus Neugier.

Sondern weil mein Kopf offenbar ständig liest.

Ich benutze dieses Wort bewusst.

Denn eigentlich lese ich erstaunlich wenig mit den Augen.

Ich höre Hörbücher. Ich merke mir Erzähltes oft besser als Geschriebenes. Schon früher in der Schule konnte ich mir mündlich Erklärtes leichter merken als denselben Inhalt auf Papier.

Und trotzdem würde ich sagen: Ich lese ständig.

Ich lese Stimmen.

Ich lese Pausen.

Ich lese, wann ein Satz anders fällt, als ich ihn erwartet hätte.

Ich lese Mimik, Gestik und die kleinen Verschiebungen zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was eigentlich gemeint ist.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum mich Geschichten so beschäftigen.

Mich stören selten die großen Linien.

Nicht die Frage, wer im Krimi der Täter ist.

Sondern die kleinen Brüche.

Eine Figur, die plötzlich etwas tut, das sich nicht mehr nach ihr anfühlt.

Ein Dialog, der nur existiert, weil die Handlung ihn braucht.

Oder ein Kunstgriff, der mich daran erinnert, dass ich gerade einem Autor folge und nicht einem Menschen.

Interessanterweise gilt das nicht für alles.

Ich weiß, dass Charlie Chaplins Limelight voller Anschlussfehler ist. Bilder an den Wänden wechseln, Requisiten verändern ihren Platz, aber ich habe diese Fehler nie gesehen.

Einfach, weil ich jedes Mal zu sehr in den Figuren und ihrem Gespräch bin, um den Rest überhaupt wahrzunehmen.

Vielleicht beschreibt das ganz gut, wie ich Geschichten wahrnehme.

Ich suche keine Perfektion.
Ich suche Glaubwürdigkeit.

Und vielleicht ist genau daraus irgendwann der Wunsch entstanden, selbst Geschichten zu schreiben.

Nicht, weil ich dachte, ich könnte es besser.

Sondern weil ich wissen wollte, wie sich eine Geschichte anfühlt, der ich genauso glauben kann wie einem Menschen.

Über das Lesen von Menschen und Geschichten

Ich kann nicht aufhören zu lesen Es gibt Menschen, die sich alleine in ein Café setzen, ein Buch lesen oder einfach ihren Kaffee trinken. ...